Archiv für Frauen

Die Vorhersage

Posted in Gedicht bebildert with tags , on 19. Oktober 2010 by (L)

Heut’ früh in der Menge sah ich meine Liebste
in gut dreißig Jahren vielleicht:
’ne Dame von sechzig, die sah ihr so ähnlich,
die Analogie hat gereicht.

Ich denk also bei mir: so sieht meine Süße
in grob drei Jahrzehnten dann aus,
das gleiche Gesicht und die Haare gefärbt,
kaum Falten auf leicht brauner Haut;

Die Kleidung geschmackvoll, der Gang elegant,
auch passend die Stimme nicht harsch;
’ne freundliche Frau, aber doch war da etwas:
sie hatte ’nen riesigen Arsch.

(L)


(S)

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Das Sofa

Posted in Fotografie betextet with tags , on 22. September 2010 by (S)

(S)

Ein Sofa stand am Straßenrand,
der Gehweg war dort etwas schief,
und die Geschichte, wie es fand
den Weg dorthin, schreibt dieser Brief:

Ein König dereinst wutentbrannt
nach seiner besten Zofe rief,
und drohend hob er seine Hand,
da sie mit seiner Gattin schlief.

Er hatt’ es gestern erst erkannt,
als arglos er ins Zimmer lief
und beide auf dem Sofa fand,
entkleidet und entschlummert tief.

Nun hieß er packen allen Tand
der Zofe, auch den Digestif,
und auch das Sofa, weil er fand
es Schuld sei, da sie darauf schlief.

Die Zofe sich ihr Bündel band
und bat um Zuflucht beim Kalif,
der sanft regiert das Nachbarland.
Das Sofa, ach, das Sofa blieb.

Das Sofa steht am Straßenrand,
der Gehweg ist dort etwas schief,
und dieses Märchen einst erfand
ein Irrer, der vorüberlief.

(L)

Selbst-Justiz

Posted in Gedicht bebildert with tags , , , on 13. August 2010 by (L)

Und so kommen wir drei Schwestern
heut zusammen, dir zu sagen
deine Zukunft und dein Schicksal
in den nächsten beiden Tagen:

Morgen früh wirst du erscheinen
vor dem Richter und den seinen,
doch dann lassen sie dich ziehen,
überzeugt von deiner Unschuld.

Denn Gutachten sind geschmiert
und die Zeugin demontiert:
sie sei auf Erpressung aus,
sei kein Opfer, sei ein Biest.

Morgen Abend wird gefeiert,
deine Unschuld, deine Freiheit,
und kein Mensch weiß von der Reinheit
dieser Lüge, dieser Falschheit…

Schwarze Asche deiner Seele,
weißer Kalk deiner Gebeine;
Ohne Rast und ohne Eile
sind wir drei dir auf den Fersen…

Übermorgen wirst du wachen
mit dem kalten Hauch im Nacken
den zehntausend leidend Frauen
einst in dem Moment geatmet.

Ihre Qual wird so zu deiner,
grelle Augenblicksgedanken
jagen durch dich zu den Taten
die ein Mann jemals begangen:

Judith fleht leis’ um Erbarmen,
Sarahs Blut an ihren Schenkeln,
Clara schützt in ihren Armen
ihre Kinder vor dem Schlag.

Jeden Teil deines Verstandes
werden wir drei Schwestern tilgen;
Horch nun auf, da sind die Stimmen,
schwarzer Angst und weißen Rauschens:

Dann sind ihre Schreie deine,
und ein gellend Meer erfasst dich,
und die Welle reißt dich mit sich
bis du an die Klippen schlägst.

(L)

(L)

Schnappschuss

Posted in Fotografie betextet with tags , on 10. August 2010 by (S)

(S)

Eigentlich wollten sie Schuhe und Shoppen,
Carolin, Miriam, Sandra, Charlotte,
doch in diesem einzelnen Schaufenster plötzlich,
ein Ding ganz phantastisch und gar nicht mal hässlich.

Ein Kunstwerk, gezeichnet: ein riesiger Knauf,
sah aus wie ein König, die Krone saß drauf,
dahinter im Schattenreich Rasputin Schraube
fing flux dieses Staunen mit tückischem Zauber.

Es blitzte nur kurz, die vier waren geblendet,
und schon war der Wechsel der Seiten beendet.
Das war’s dann für immer mit Schuhen und Shoppen
für Carolin, Miriam, Sandra, Charlotte.

(L)