Archive for the Sehrkurzgeschichte Category

Oktober

Posted in Sehrkurzgeschichte with tags , on 11. Oktober 2010 by (L)

Wie ein misslungenes Origami faltet er sich jeden Morgen in seinen elektrischen Rollstuhl hinein. Der Kopf hängt über der linken Schulter, das rechte Handgelenk steht spitz nach außen ab, die linke Hand bedient die kleinen Hebel. So fährt er seine Tour durch die Stadt. Ein paar Leute grüßen, Alteingesessene wie er, und er lächelt sein schiefes Lächeln. Vor seiner Stammkneipe bringt ihm die Bedienung einen Apfelsaft – für ihn wie immer mit Trinkhalm. Er betrachtet die feuchten Abdrücke der Oktoberblätter auf dem Asphalt, nimmt einen Schluck, wartet, hofft, dass der nächste Schub noch ein wenig auf sich warten lässt. Den Anti-Stuttgart-21-Aufkleber hat er vorne auf seinen Rollstuhl geklebt, er fährt ihn stolz umher. Als die Planung begann, war er bei den ersten Demonstrationen dabei. Damals trugen ihn seine Beine noch.

(L)

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September

Posted in Sehrkurzgeschichte with tags on 27. September 2010 by (L)

Die drei alten Freunde sitzen auf den abgenutzten Stühlen vor der Brasserie. Seit einer Viertelstunde reden sie sehnsüchtig über die Autos ihrer Jugend, dieses eine Ventil, das man regelmäßig ausbauen und gut durchpusten musste. Das Schräubchen, auf das man höllisch aufpassen musste, damit man es nicht im Motorraum verlor. Natürlich geht es auch um den Deux-Chevaux, „und der Traction, kam der eigentlich vor oder nach dem Krieg raus?“ „Ach, diese Scheinwerfer, so schöne Scheinwerfer hat seither keiner mehr gebaut.“ Sie nicken, sie schweigen. Die Sonne geht langsam unter, immer früher, jetzt im September. „Wollen wir schauen, ob uns Mathilde drinnen noch etwas zu essen macht?“ Die anderen stimmen zu, mühsam werden die Stühle zurückgerückt, werden die Hände beim aufstehen schwer auf die Tischkante gestützt. An einer Hand sieht man einen Ehering, matt von den vielen Jahren. Und daneben, am kleinen Finger, einen dazu passenden, nur feiner und mit einem kleinen Stein. „Eh, Mathilde, was machst du uns heute?“ ruft er beim hineingehen in die schummrige Tiefe der Brasserie.

(L)

August

Posted in Sehrkurzgeschichte with tags on 27. August 2010 by (L)

Eine Stunde nach Sonnenuntergang, aber noch immer ist es unerträglich schwül auf der Piazza. Eine Nacht im August. Die Luft steht, ohne den geringsten Hauch, voll angestauter Hitze und Staub, und beides zusammen legt sich als dicke, glänzende Schicht auf die bloßen Oberkörper der Jungen, die hier Fußball spielen. Ihr Alter? Es ist der Sommer, in dem sie entdeckt haben, wie schnell sie Muskeln bekommen können, und seither kicken sie, jeden Abend. Du kramst dein Italienisch zusammen und sprichst sie an, denn du suchst in dieser fremden Stadt dein Tagungshotel. Der Junge, der bisher am lautesten „Goool!“ und „Fallo!“ gebrüllt hat, versucht nun gestenreich, dir zu helfen, leider vergeblich, sie kennen das Hotel nicht. Aber er wünscht noch viel Glück bei der Suche. Und dann, zum Abschied, schweißnass wie er ist, umarmt er dich lachend – einfach nur, um zu sehen, wie du reagierst.

(L)